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Kein Vergeben - Kein Vergessen!

In Gedenken an die Opfer des deutschen Antisemitismus und Rassismus

Vor fast 63 Jahren, am 27.Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz durch die sowjetischen Truppen unter dem Oberbefehl von Generaloberst Pawel Alexejewitsch Kurotschkin befreit. Auschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager; allein dort wurden mindestens 1,1 Million Menschen, zumeist Jüdinnen und Juden, aber auch Sinti und Roma, Polen und sowjetische Kriegsgefangene ermordet. Auschwitz ist das Symbol für die Shoa und steht stellvertretend für die Vernichtung von mehr als 6 000 000 Jüdinnen und Juden.

Die Erinnerung an die Opfer der deutschen Barbarei auch in Marzahn-Hellersdorf bewahren

Am 27.Januar 2008 findet nunmehr zum dritten Mal der internationale Holocaustgedenktag statt, welchen wir, das Bündnis „Kein Vergessen“ zum Anlass nehmen, um auch in Marzahn-Hellersdorf der Opfer der deutschen Barbarei zu gedenken.

Während des NS wurden aus diesem Berliner Ortsteil hunderte Menschen verschleppt und in den Gaskammern der Deutschen ermordet. Jüdinnen und Juden wurden verhaftet, ihr Besitz wurde beschlagnahmt. Das vermeintlich erste Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns in Marzahn-Hellersdorf war der Biesdorfer Arzt Dr. Arno Philippsthal. Er wurde bereits im März 1933 von SA-Leuten verhaftet und mehrfach gefoltert. Kurz darauf starb er in Folge der Verletzungen.

Tausende ZwangsarbeiterInnen mussten in über 30 Lagerstandorten in Marzahn-Hellersdorf unter menschenunwürdigen Bedingungen hausen. Sie wurden von der lokalen Wirtschaft und Bauern ausgebeutet. Viele von ihnen fanden den Tod. Betriebe wie Hasse & Wrede, ein Tochterunternehmen der Knorr Bremse, konnten ausschließlich durch den Einsatz von ZwangsarbeiterInnen ihre Produktion fortsetzen und auch heute noch existieren. Lediglich ein Mahnmal auf dem Parkfriedhof Marzahn erinnert an die tausendfache Versklavung. Die authentischen Orte dieser Verbrechen sind bislang unbemerkt geblieben.

Seit 1936 existierte der „Zigeunerrastplatz Marzahn“. Es war das erste rassisch definierte Zwangslager in Deutschland. Mehrere Tausend Sinti und Roma wurden dort auf engsten Raum und unter unmenschlichen hygienischen Zuständen zusammen getrieben. Sie mussten für ihren Lebensunterhalt Zwangsarbeit leisten. Die meisten von ihnen wurden später in die Vernichtungslager deportiert und ermordet. Am ehemaligen Lagerplatz trägt heute eine Straße und ein Platz den Namen eines Überlebenden des Zwangslagers. Otto Rosenberg steht stellvertretend für die ermordeten Sinti und Roma.

Für eine würdige und verantwortungsbewusste Aufarbeitung der Geschichte

Ein verantwortungsbewusster Umgang mit der Geschichte, eine würdige Aufarbeitung der deutschen Verbrechen ist unumgänglich. Nur die Erinnerung an die Opfer, an das was passiert ist und wie es passiert ist, verhindert, dass sich der Holocaust wiederholen kann.

Der im vergangenen September verstorbene Antifaschist und Auschwitz-Überlebende Kurt Goldstein antwortete auf die Frage, warum er dem 60.Gedenktag in Auschwitz fernblieb:„Ich hatte keine Lust, in eisiger Kälte an der Rampe zu stehen und mir von den Rednern, unter anderen den deutschen, anzuhören, wie gut sie doch alle mit der Vergangenheit umgehen. Ich finde das zum Kotzen.“

Ein Beispiel, für den verantwortungslosen Umgang mit der deutschen Geschichte, ist die bezirkliche Debatte um die Rückbenennung von Straßen mit ehemals jüdischen Namenpatronen im Mahlsdorfer Musikerviertel.

Auf Grundlage der rassistischen „Nürnberger Rassengesetze“ wurden am 16.Mai 1938 auch im Bezirk Marzahn-Hellersdorf 7 Straßen umbenannt, die Namen jüdischer Künstler wie Jacques Offenbach oder Gustav Mahler, trugen. Ziel war es, so hieß es in einem Schreiben des Oberbürgermeisters von Berlin an die Bezirksbürgermeister, „jüdische Namen auszumerzen“. Diese Umbenennungen reihten sich ein in die antisemitische Praxis in Nazideutschland, welche ihren Höhepunkt in der Shoa, der Vernichtung von Millionen Menschen, fand.

Die wenigen Versuche eine Rückbenennung der Straßen zu realisieren und damit dem antisemitischen Willen der Nazis ein Ende zu setzen und die Würdigung der jüdischen Komponisten wiederherzustellen, wurden von lokalen PolitikerInnen von SPD bis Rechtsaußen immer wieder mit dem geschichtsrevisionistischen Verweis auf die angebliche Schaffung von „neuem Unrecht“ abgewiesen.

Die Rückbenennung, gegen die einzelne AnwohnerInnen der Straßen individuelle Befindlichkeiten wie Gewöhnung und Bequemlichkeit äußern, als „neues Unrecht“ in einer Diskussion über die Aufarbeitung von Naziverbrechen zu bezeichnen, ist ein Beispiel dafür, wie die Deutschen sich in ihrer Gedenkpolitik immer wieder versuchen als Opfer der Geschichte darzustellen.

Millionen haben durch begeisterte Mittäterschaft, Denunziantentum oder gekonntes Wegschauen den Aufbau Nazideutschlands begleitet, ihre Nachbarn - Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte und politisch Andersdenkende – in Konzentrationslager deportiert, verfolgt, gefoltert und ermordet.

Die Verantwortung diese Barbarei aufzuarbeiten und der damit verbundene Aufwand ist kein „neues Unrecht“, sondern dringliche Notwendigkeit um dem Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus zu begegnen, der noch immer tief in der deutschen Gesellschaft verankert ist.

Den Debatten um Schlussstriche unter die deutsche Geschichte, um deutsche TäterInnen die angeblich Opfer waren oder um die Vergleichbarkeit des Holocaust mit anderen Ereignissen gilt es entschieden entgegenzutreten.

Am 26.Januar 2008 veranstalten wir ab 15Uhr auf dem Alice-Salomon-Platz eine Kundgebung im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, gegen das Vergessen und gegen Geschichtsrevisionismus; für eine Gesellschaft in der alle Menschen unabhängig von Nationalität, Geschlecht, Sexualität oder Religion frei und unter menschenwürdigen Bedingungen leben können.

Nie wieder Deutschland.


Bündnis KEIN VERGESSEN