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Ein Bürgersaal für den Helene-Weigel-Platz!
Prof. Dr. Wolf R. Eisentraut, Architekt

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Wolf R. Eisentraut – dem Architekten des Sojus.

Der leuchtend weiße Saalbau mit dem einladenden gläsernen Foyer ist ein beliebter Treffpunkt der im Umkreis wohnenden Bürger und ihrer Gäste. Neben den Handelseinrichtungen am Helene-Weigel-Platz gibt es wieder einen kulturellen Mittelpunkt, der in die Nachbarschaft ausstrahlt. Vielerlei Veranstaltungen bereichern das Leben und ermöglichen interessante Begegnungen. Täglich wird etwas geboten, von Vorführungen besonderer Filme über Konzerte, Kabarett, Lesungen, Talkrunden, Vorträge bis hin zu Versammlungen der Bürger und Tagungen. Dafür gibt das Haus einen angemessenen räumlichen Rahmen. In wechselnder Abfolge laden Ausstellungen von Werken Berliner Künstler und künstlerischer Arbeiten Marzahner Schüler ein. Die Caféteria im Foyer lädt zum Cappuccino oder feinem Eisbecher, des abends zu einem Glas Sekt.

Wie, Sie haben diesen Ort geistiger und fröhlicher Erbauung noch nicht gesehen? Unzählige Male sind Sie vorbeigelaufen. Aber man kann ihn wirklich nicht finden, er versteckt sich noch im ruinösen ehemaligen Kino Sojus.

Er lebt aber schon in den Köpfen aktiver Bürger und verantwortungsvoller Verordneter und Politiker, die im Rahmen der jüngst verstärkten öffentlichen Diskussion zu diesem Haus Position beziehen und nach Lösungen suchen. Und er lebt mit konkreten Bildern im Kopf des Architekten. Ich erinnere mich gerne an die Entstehungszeit, in der wir – ein politisches Ereignis und dessen Zielstellung ausnutzend – außerplanmäßig den Marzahnern im neuen Meer der Platten zu einem Kulturbau verhelfen konnten.

Aber nicht die Geschichte ist maßgebend, auch nicht die häufig vorgetragenen positiven Erinnerungen von Anwohnern an das Erleben guter Filme, an Jugendweihveranstaltungen oder an das erste zaghafte Knutschen im verdunkelten Saal. Nein, die Frage ist heute: Wird der Verlust einer beliebten Kultureinrichtung durch weiteren Verfall besiegelt oder hat man die Kraft, mittels Instandsetzung und neuer Nutzungskonzeption den Traum Wirklichkeit werden zu lassen?

Gerade in Marzahn sind in letzter Zeit nicht unerhebliche Verluste an baulichen Hüllen für kulturelle Aktivitäten – ich erinnere an verlorene Bibliotheken und an die ohne Not abgerissene Galerie M – zu beklagen. Es scheint höchste Zeit, diese Entwicklung aufzuhalten. Hier hat man eine standsichere Baukonstruktion, einen großräumigen Saal – ein Ensemble, für dessen adäquate Neuerrichtung derzeit und in naher Zukunft weder Mittel noch Veranlassung bestehen. Die räumliche Hülle bedarf nur der Instandsetzung. Der Aufwand hält sich in Grenzen, wenn man den einfachsten funktionssichernden Standard ansetzt. Nachdem das Gespenst eines Ersatzbaues für einen überflüssigen Einzelhandelsmarkt erfreulicherweise vertrieben worden ist, eröffnet sich eine neue Chance.

Dazu müssen jetzt vordringlich die Eigentumsverhältnisse und Erwerbsmöglichkeiten geklärt, Nutzungskonzepte und Betreibermodelle erstellt, schließlich die Instandsetzungskosten ermittelt werden.

Ferner sollte auch der städtebauliche Rahmen einer neueren Betrachtung unterzogen werden, um möglicherweise aufkommendes Investoreninteresse in stadträumlich nützliche Bahnen zu lenken. Das freie Feld zwischen den Hoch- und Wohnhäusern, derzeit als Parkplatz genutzt, kann als Hinterhof des Helene-Weigel-Platzes keine Attraktivität entwickeln. In der täglichen Nutzung zeichnet es sich durch Unwirtlichkeit aus; besonders die Querung vom Fußgängertunnel aus bietet ein schauerliches Erlebnis. Solchem wäre leicht abzuhelfen, würde man vom Durchgang zwischen Rathaus und Springpfuhlpassage vorbei am Gesundheitszentrum eine attraktive Fußgängerverbindung, flankiert von wenigen Gebäuden des kleinteiligen Handels und ebensolcher Dienstleistung und Gastronomie (anstelle der Provisorien) bis zur Apotheke und eben zu dem eingangs dargestellten leuchtendem Kulturwürfel Sojus und weiter in das Gebiet der Südspitze entwickeln. Eine höchst wirksame Aufwertung des gesamten Gebietes! Leider ist diese naheliegende Variante in den vorliegenden Untersuchungen des Stadtplanungsamtes nicht enthalten.

Sojus wird auch mit Bündnis übersetzt. Ein Bündnis der Bürger, der Politik und der Verwaltung kann das Sojus retten!